Für Alle, die ihren Horizont ein wenig erweitern wollen, haben wir heute ein kurzes Skypeinterview mit Max Henninger von Skateistan. Ein Einblick in afghanischen Skateboarder Alltag.
[11:02:10] ]Kryshi: Ich würde gerne den Lesern verdeutlichen, unter was für Umständen Ihr Eure Arbeit für Skateistan leistet. Ich denke, am besten geht das vielleicht mit einer Beschreibung des Alltagslebens, dass Ihr in Kabul führt.
[11:02:48]Kryshi: Wenn das cool für Dich ist, stell ich Dir auch gern ganz banale Fragen
[11:03:19] Max Henninger: klar, einfach fragen, was das zeug hält
[11:04:00]Kryshi: Als erstes: Wie spät ist es bei Dir und wie ist das Wetter bei Euch
[11:04:58] Max Henninger: 13:21, Wetter: erstaunlicherweise bewölkt. Temperatur: 25° Celsius.
[11:05:21] Kryshi: Na, klingt ja schon mal ganz gut.
[11:05:56] Kryshi: Also, erste Frage: Erklär doch bitte kurz die politische Lage in Afghanistan.
[11:06:14] Max Henninger: Kurz?
[11:07:05] Max Henninger: Das ist ein Thema für ‘ne Doktorarbeit.
[11:10:12] Max Henninger: ich kann dir gerne ein bisschen was über die vergangene Zeit - speziell die Wahlen - erzählen.
[11:11:44] Max Henninger: jetzt spinnt Skype mal wieder, na toll
[11:12:44] Kryshi: Funzt es wieder?
[11:12:55] Max Henninger: ja, anscheinend
[11:14:24] Max Henninger: Afghanistan ist von 30 Jahren Krieg gezeichnet. Auch heute wird gekämpft: Im unruhigen Süden, an der Grenze zu Pakistan, stehen Amerikaner und Briten den Taliban gegenüber. Im Norden, Region Kunduz, hat die Bundeswehr mit den Gotteskriegern zu kämpfen. Seit Anfang 2002 internationale Truppen nach Afghanistan kamen, hat sich die Lage bis heute kontinuierlich verschlechtert. Jüngsten Erhebungen zufolge hätten die Taliban mittlerweile die Oberhand in Afghanistan. Die Zentralregierung in Kabul ist machtlos, was die Stabilisierung des Landes angeht. Oft wird behauptet, dass sich der Einflussbereich der Regierung unter Karsai auf Kabul beschränken würde - in den Provinzen hätten die lokalen Machthaber das Sagen. Vor knapp einem Monat wurde in Afghanistan neu gewählt. Allem Anschein nach wird der alte Präsident auch der neue sein. Die Wahlen wurden überschattet von Anschlägen, Taliban-Drohungen und Wahlbetrug. Bis das endgültige Wahlergebnis feststeht, werden wohl noch Wochen oder Monate vergehen. Grundsätzlich ist die politische Lage in Afghanistan undurchschaubar - zu viele Interessen spielen herein. Korruption und Vetternwirtschaft in der afghanischen Regierung bremsen Entwicklung; Internationale Hilfe ist zu wenig koordiniert und geht oft an den Bedürfnissen der Menschen vorbei - und die meisten Afghanen sind frustriert darüber. Die Enttäuschung über die internationale Präsenz ist groß: Viel Geld würde nach Afghanistan fließen, aber bei den kleinen Leuten käme davon nichts an. Ich glaube, es wird noch lange dauern, bis sich die Lage hier wirklich stabilisiert hat. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die einzigen, die Afghanistan wirklich vorwärts bringen können, die Kinder und Jugendlichen von heute sind. Deshalb fokussieren wir uns bei Skateistan speziell auf die Arbeit mit den voraussichtlichen Entscheidungsträgern von Morgen.
[11:15:00] Kryshi: Okay, nächste Frage:
[11:15:29] Kryshi: Erzähl mal, wenn Du jetzt aufgestanden bist, an so nem normalen Tag, was machste dann? Wo Frühstückst Du?
[11:15:43] Kryshi: Wo ist Dein Büro.
[11:16:06] Kryshi: Und vor allem was Frühstückst Du?
[11:20:27] Max Henninger: Das komplette internationale Team von Skateistan wohnt zusammen in einem Haus, in dem sich auch unser Büro befindet. Wir werden das Büro aber in die Halle verlegen, sobald diese fertig ist. Ein normaler Arbeitstag beginnt bei uns morgens um 8 Uhr. Ich stehe meistens um 7 Uhr auf. Zum Frühstück gibt es bei mir in letzter Zeit selbstgemachtes Bananenshake, frischgepressten Orangensaft, einen Toast und Kaffee. Danach geht es ab an den Schreibtisch. Oft starten wir morgens mit einem kurzen Meeting, um die Prioritäten für den Tag festzulegen - momentan beispielsweise wie wir das von Deutschland gelieferte Sperrholz kostengünstig durch den Zoll bekommen.
[11:21:30] Max Henninger: von meinem zimmer zum büro sind es knappe 10 meter;-)
[11:21:38] Kryshi: Wer sind auf bürokratischer Ebene Eure Gegenüber, sind sie kooperativ und nehmen sie Euer Projekt dort wohlwollend auf?
[11:26:33] Max Henninger: Unsere Ansprechpartner auf bürokratischer Ebene sind das Olympische Komitee, verschiedene Ministerien, Schulen und Vertreter afghanischer Firmen und Organisationen. Die Bearbeitungszeiten von Anfragen und Anträgen richten sich nach den Institutionen. Manchmal geht es schnell und einfach, manchmal haben wir aber auch zu kämpfen. Gerade weil sehr viele Menschen in Afghanistan unserem Projekt wohlwollend gegenüberstehen, ist manches für uns einfacher und schneller zu erreichen.
[11:27:45] Kryshi: Das ist schön zu hören.
[11:27:57] Kryshi: Wie reagiert der Otto Normalverbraucher in Afghanistan auf Euer Projekt?
[11:29:34] Max Henninger: Diejenigen, die uns noch nicht kennen, sind anfangs etwas verwundert und neugierig. In Kabul gibt es einfach kaum noch Internationale, die sich auf die Straße trauen. Mittlerweile kennt uns aber fast ganz Kabul - und überall, wo wir auftauchen, sind im Handumdrehen viele Kinder versammelt. Von den Eltern der Kinder, die regelmäßig mit uns Skateboard fahren, haben wir auch die Einverständniserklärung. Das Vertrauen der Eltern ist uns sehr wichtig.
[11:30:54] Kryshi: War es schwierig, dass Vertrauen der Eltern zu gewinnen?
[11:34:10] Max Henninger: Das geht nicht von Heute auf Morgen. Bei manchen schneller, bei manchen dauert es ein wenig. Aber spätestens dann, wenn wir ihnen gezeigt haben, was wir machen und wie wir es machen, sind sie schnell dafür zu begeistern und stehen dann auch hinter uns. Besonders gut kommt einfach an, dass wir nicht nur sportliche Betätigung anbieten, sondern auch Kinder - vor allem Straßenkinder - zurück in die reguläre afghanische Schule bringen. Außerdem werden wir in der Skatehalle neben kulturellen Aktivitäten auch Nachhilfestunden für unsere Kids anbieten, um ihre schulischen Leistungen zu unterstützen.
[11:35:57] Kryshi: Yeah das ist großartig. Du hast mir erzählt, dass Ihr mit dem Erlös der Skateistan Benefiz Party in München 2 Kids die Schule finanziert. Das ist sehr cool.
[11:38:44] Max Henninger: Ja, das ist der Plan. Wir sind gerade dabei, das “Back to School”-Programm zu starten und befinden uns in den letzten Vorbereitungen dafür. Momentan haben wir schon drei Kids, zwei Jungs und ein Mädchen, zurück in die Schule gebracht. Das Geld von der Benefiz-Party in München wird nächstes Jahr für den Schulbesuch eines Mädchens und eines Jungen von der Straße eingesetzt.
[11:39:15] Kryshi: Okay, kommen wir mal zu den Teenagern in Afghanistan.
[11:40:14] Kryshi: Ich würde gerne, gerade den jüngeren Lesern, ein greifbares Bild von Afghanischen Skatern vermitteln. Deswegen folgendes Szenario:
[11:40:31] Kryshi: Wenn Du jetzt mal die normalen, durchschnittlichen deutschen Skater oder Skaterinnen nimmst und nach Kabul verpflanzt, was würde von Ihren Lebensgewohnheiten übrig bleiben? Ich meine diese Fragen nicht nur im Bezug auf die wirklich lebensnotwendigen Dinge wie Skateboarden und Zukunftsaussichten, sondern auch im Bezug auf normales Balzverhalten, Saufen, Drogennehmen und allgemein Abhängen und Party.
[11:40:57] Kryshi: Also alles was Teens im Alter von 14 bis 20 hier so interessiert
[11:44:32] Max Henninger: Ich glaube, die meisten würden es keine zwei Tage hier aushalten. Das Leben der afghanischen Jugendlichen ist sehr, sehr eingeschränkt. Hier gibt es keine Discotheken, keine Bars - und keine öffentlichen Skateparks. Abhängen ist da kaum drin. Wenn es hier eine Party gibt, dann ist es eine Hochzeit - und die sind nicht mit Partys zu vergleichen, wie wir sie vielleicht kennen. Außerdem gilt auch und gerade bei den Teenagern: Kein Kontakt mit dem anderen Geschlecht vor der Ehe. Für viele Teenager in Deutschland wäre das undenkbar.
[11:45:43] Max Henninger: Aber, und jetzt wird es interessant, habe ich doch oft den Eindruck, dass sich gerade afghanische Teenager ein bisschen mehr dieser Freiheit wünschen, die wir in unserer Jugend genießen durften.
[11:46:09] Kryshi: Wie macht sich das bemerkbar?
[11:46:31] Kryshi: Gibt es sowas wie pubertäres, rebellisches Verhalten? Subkultur, Kleidung?
[11:46:43] Kryshi: Punk, Metaller, Hip Hopper?
[11:51:55] Max Henninger: Ganz deutlich wird es mit der Kleidung, die auf keinen fall der traditionellen entspricht. Jeans, schicke Hemden, Sonnenbrille, Handy, schnittige Frisur. Und möglichst alles (gefälscht) von Gucci, Versace oder Joop - mit möglichst groß herausstechenden Logos. Auch das Internet spielt eine immer größere rolle, da, wo es verfügbar ist, also in Städten wie Kabul beispielsweise. Da reale Kontakte kaum drin sind, läuft bei vielen jungen Afghanen das so genannte “Balzverhalten” über Internet; Seiten wie facebook, myspace sind unglaublich populär. Ich habe afghanische männliche Jugendliche kennengelernt, die mir stolz berichteten, dass sie in ihrer facebook-Kontaktliste 400 Frauen drin hätten - aber keinen einzigen Mann.
[11:52:22] Kryshi:! Alter…
[11:53:07] Max Henninger: Punks, Metaller, Hip Hopper gibt es nicht. Wenn Idole nachgeahmt werden, dann sind es die Helden aus den Bollywood-Streifen
[11:54:40] Kryshi:Okay, wie wirkt sich die aktuelle Sicherheitslage auf den Alltag auf der Straße aus? Bist Du in Deiner Bewegungsfreiheit z.B. in irgend einer Form eingeschränkt?
[11:57:09] Max Henninger: Während der Wahlen waren wir etwas eingeschränkt aufgrund der unglaublich hohen Polizei- und Militärpräsenz. Wir ein sind in dieser Zeit ei so genanntes “low profile” gefahren, d.h. wir sind nicht viel raus.
[11:58:26] Max Henninger: Mittlerweile ist es aber wieder halbwegs angenehm. Leider zögert sich die Bekanntgabe des Wahlergebnisses noch hinaus, wegen massiver Betrugsvorwürfe. Das bringt mit sich, dass die Situation wohl noch ein bisschen unruhig bleiben wird.
[12:00:41] Max Henninger: Was ich in letzter zeit bemerke, ist, dass die deutschen an positivem Profil verlieren. Afghanistan und Deutschland verbindet eine lange und tiefe Freundschaft. Bisher waren wir bei den Afghanen bestimmt die beliebteste Nation. In letzter zeit bekomme ich oft zu hören, dass unser militärisches Auftreten in Kunduz unserem Ansehen schaden würde.
[12:02:02] Max Henninger: Ach eines noch zu den jugendlichen: ich habe mich in dem Absatz mit der Kleidung nur auf männliche jugendliche bezogen.
[12:02:24] Kryshi:Ah, okay.
[12:02:35] Kryshi:Kommen wir zum Schluss noch mal zum Alltag:
[12:02:49] Kryshi:Wie siehts mit brauchbaren Skatespots aus in Kabul?
[12:02:59] Kryshi:Kann man Streetskaten?
[12:08:09] Max Henninger: Spärlich, leider. Als Kenny Reed, Cairo Foster, Maysam Faraj und Louisa Menke hier waren, haben wir so ziemlich alles abgegrast, was wir finden konnten - und das war wenig. Streetskaten ist an ein paar wenigen (vielleicht 2 oder 3) Spots möglich. Es gibt ja kaum richtige Straßen hier. Einen schönen Spot haben wir allerdings gefunden: Den Brunnen um die Insel am Massoud-Kreisverkehr. Das ist eine Halbröhre im Kreis um ein Denkmal. Ganz gut zu fahren - allerdings liegt dieser Kreisverkehr direkt vor der amerikanischen Botschaft und ist eine der gefährlichsten Stellen in Kabul überhaupt. Jedes mal, wenn wir dort fahren wollten, sind nach fünf Minuten die Uniformierten aufgetaucht und haben uns vertrieben.
[12:08:38] Max Henninger: wird zeit für die halle
[12:08:53] Kryshi: Auf jeden Fall.
[12:09:01] Kryshi: Kommen wir mal kurz zu Deiner Person.
[12:09:21] Kryshi: Wie alt bist Du, wo kommst Du her und was hat Dich nach Kabul verschlagen?
[12:12:40] Max Henninger: Ich bin 30 Jahre alt und in Heidelberg geboren. Nach dem Studium bin ich im März 2007 von einer deutschen Entwicklungshilfeorganisation nach Kabul entsendet worden und habe zwei Jahre dort gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich den Skateistan-Gründer Ollie kennen gelernt und bin seitdem dabei.
[12:13:41] Kryshi:Letzte Frage: Was vermisst Du in Afghanistan am meisten?
[12:13:51] Max Henninger: Meinen Sohn.
